Rezension: Dr. Matthias Liebel, Kunsthistoriker

International bekannt; eine bedeutende Persönlichkeit

Friedl Fischer braucht man in Bamberg kaum mehr jemandem vorzustellen. Seit 15 Jahren unterhält sie ihre eigene Galerie und trägt sie mit den hier gezeigten Ausstellungen aktiv zum kulturellen Geschehen in unserer Stadt bei. Doch nicht nur als Galeristin hat sich Friedl Fischer einen festen Platz im Bamberger Kulturbetrieb erobert, auch als bildende Künstlerin zählt sie zu den bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Region. Nach ihrer Ausbildung an diversen Kunstakademien, wo sie die Techniken der modernen Malerei studierte, hat Friedl Fischer durch zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland und im europäischen Ausland auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Werke finden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen gleichermaßen, und man kann mit Fug und Recht von ihr behaupten, daß sie eine der erfolgreichsten Malerinnen hier in Bamberg ist.

Die Bildsprache, zu der Friedl Fischer im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung gefunden hat, ist die einer dynamisch bewegten, in hellen Farben vorgetragenen abstrakten Ausdrucksmalerei, die ihre Farben und Formen, ihre gestalterische Rhythmen und ihre formal-ästhetische Erscheinung als bildschöpferische Ableitungen der sichtbaren Wirklichkeit begreift. Damit steht Friedl Fischer ganz in der Tradition des Ursprungsgedankens der abstrakten Malerei so, wie sie Kandinsky einst verstanden hat, Piet Mondrian oder auch Pablo Picasso. Die Ergebnisse, zu denen Friedl Fischer dabei findet, sind allerdings von einer deutlich anderen, stark dem expressiven Impetus unserer Tage verpflichteten Art. Das ist nicht nur eine Temperamentsfrage, sondern auch und gerade eine Frage der intentionalen gestalterischen und inhaltlichen bildnerischen Interessen. Betrachten wir dazu die Gemälde von Friedl Fischer etwas genauer:

Zunächst finden wir auf ihnen als Grundtenor eine milde Farbigkeit, die von erdigen Brauntönen, zartem Gelb und Ocker oder lichten Blau- und Grauwerten dominiert wird. Mit gestisch bewegtem Pinsel wird die Leinwand formatfüllend in diesen milden Valeurs bedeckt. Einer tristen Monochromie zu entgehen, werden diese Töne facettenreich moduliert und in mehreren Schichten aufgetragen, die sich gegenseitig oft nur partiell überlagern und die in ihrer transluziden Durchsichtigkeit diese "gestalterischen Ereignisfelder", wie ich sie einmal genannt habe, rhythmisch verlebendigen. Spontan und kraftvoll, vital und energiegeladen bewegt die Künstlerin den Pinsel über die Malfläche. Sowohl bei der Wahl ihrer Farben als auch bei der Art der Pinselführung folgt Friedl Fischer dabei ganz ihren inneren Stimmungen, aber auch ihrer künstlerischen Erfahrung und ihrer gestalterischen Intuition. Manchmal werden aufgetragene Schichten wieder abgeschabt und erneut auf die Leinwand gebracht, manchmal bilden sie zu ihren Nachbarbereichen fließende Übergänge, so daß sich am Ende ein quirliges Spiel aus vielfältig nuancierten Tönen ergibt, die den Grundflächen dieser Gemälde ihre energiegeladene Erscheinungswirkung verleihen.

Diese basalen Farbfelder, die Hintergrund und formfarbliche Umgebung zugleich bedeuten, liefern das ästhetische Grundgerüst für alles weitere gestalterische (und zugleich auch wirkungspsychologische) Geschehen. Sie hinterfangen und umgeben eine mittig ins Bild gesetzte, manchmal aber auch achtergewichtig an den Rand geschobene, bisweilen platzgreifend auf die Leinwand drängende Gestaltung, die sich nicht selten aus rhythmisch gegliederten Lineaturen konstituiert, aus halb plastisch geformten, reliefartig aufgereihten Tropfspuren neuerdings oder aus fest konturierten Farbfeldern, die mit ihrer orthogonalen Ausrichtung als "Bild im Bild" funktionieren bzw. die in ihrer scheinbar amorphen, gelegentlich auch rechtwinklig ausgerichteten Anordnung bei genauerem Hinsehen architektonische Versatzstücke zu erkennen geben. Oft sind es allerdings auch frei assoziierte topographische Gegebenheiten, die Friedl Fischer zu ihren abstrakten Kompositionen inspirieren: Klosteranlagen und Kirchtürme, Flußlandschaften mit ausgedehnten Waldflächen und burgenbesetzten Hügeln. Das Bildgeviert erweist sich in diesem Zusammenhang als Projektionsfläche virtueller Lebensräume, und es ist nur konsequent, daß die Künstlerin auf ihren neuesten Arbeiten dazu übergegangen ist, diese ersonnenen Lebensräume mit figürlichen Motiven zu bevölkern: mit formfarblich reduzierten, bisweilen streng silhouettierten Figuren, die keine bestimmten Personen bedeuten, sondern für den Menschen an sich stehen und für deren Verhältnis zu ihrer topographischen und sozialen Umgebung.

"Illusionen" nennt Friedl Fischer diese neuen Arbeiten und spielt damit begrifflich auf jene Phantasiewelt an, in die sich die Künstlerin mit ihren Leinwänden begibt. Man könnte ihre Gemälde als Einladung zu einer "virtuellen Reise" verstehen - zu einer Reise, die uns in ferne und exotische Landschaften führt: in südliche Länder, in den Orient, aber auch in heimische Gefilde. Einige Farbfelder erinnern mich an Boote und Schiffe, eine alte Dampflock ist zu sehen, Hafenlandschaften, und immer wieder die Weite des blauen Meeres. Wenn man sich in diese vom Gegenständlichen abgeleitete, in abstrakte Formen umgesetzte Bildwelt einmal "eingelesen" hat, werden die motivischen Zusammenhänge dieser Gemälde immer verständlicher. Dennoch werden motivische Ein-Eindeutigkeiten sehr wohl vermieden. In einem Akt der Gradwanderung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion läßt die Künstlerin den Betrachtern ihrer Bilder Freiräume genug, eigene motivische wie inhaltliche Phantasien zu entwickeln und eigene "Illusionen" entstehen zu lassen, die im Sinne der "thematischen Apperzeption" den individuellen Interessensneigungen des Betrachters genügen: seinen Wünschen, seinen Sehnsüchten und seinen eigenen Träumen gleichermaßen. Gerade diese thematische Offenheit ist es, die die Gemälde von Friedl Fischer so spannend macht und eben diese motivische Un-Eindeutigkeit ist es, die eine Beschäftigung mit den hier gezeigten Werken zu einem dialogischen, immer wieder neue motivische wie inhaltliche Aspekte zu erkennen gebenden Erlebnis werden läßt.

Eine zweite Werkgruppe gibt es: Bilder, auf denen eine ableitbare Gegenständlichkeit keine Rolle mehr spielt - völlig abstrakte Kompositionen, deren formfarbliche Strukturen ein Eigenleben entwickelt haben und die, wenn eine topographische Beschreibung überhaupt zulässig ist, am ehesten als "Seelenlandschaften" bezeichnet werden könnten. In diesen Arbeiten definiert sich die mentale Stimmung durch die psychologische Wirkung der Farbwerte an sich, wobei es oft goldene, silberne und kupferfarbene Töne sind, die diesen Gemälden eine erhabene, feierliche und manchmal fast sakrale Ausdruckswirkung verleihen. Dort werden die Farben nach geheimen Rezepturen manch mal so dick und so wuchtig aufgetragen, daß sie die Zweidimensionalität der Bildebene sprengen und als reliefartige Strukturen den Realraum des Betrachters erobern. Diese Überschreitung des zweidimensionalen Bildraums ist visueller Oberflächenreiz und plastische Durchdringung zugleich, so daß die betreffenden Bildwerke, die Sie hier überwiegend auf der rechten Seite zu sehen bekommen, eine Körperlichkeit entwickeln, die geradezu physisch auf den Betrachter wirkt. Einige von diesen Bildern funkeln uns glänzend und glimmernd entgegen, andere zeigen eine brüchige, beinahe morbide erscheinende Oberfläche und verdichten sich in ihrer quirligen Buntheit zu einem bewegungsrhythmischen Allover, das an die gestische Ausdruckssprache der Malerei des Informel und des Action Painting erinnert. Auch diese Bilder sind in ihrem expressiven Charakter das formfarbliche Produkt der "Illusionen" von Friedl Fischer - ihrer jetzt nicht mehr gegenständlich gebundenen, sondern spontan und intuitiv aus ihrem tiefsten Inneren schöpfenden gestalterischen Phantasie.

In diesem Sinne bezieht sich die Künstlerin mit ihrem "Illusions-Begriff" auf das bildästhetische Oszillieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion: darauf, daß das Gegenständliche auf der Leinwand immer in irgendeiner Weise abstrakt ist (alleine schon durch seine Reduktion auf die zweidimensionale Bildfläche), und darauf, daß das tatsächlich Abstrakte letzlich nichts anderes ist, als die formfarbliche Umsetzung innerer Gestimmtheiten. Die allerdings sind ganz konkret und lassen sich, wenngleich mit einigen sprachlichen Hindernissen, durchaus auch begrifflich definieren. Trotzdem sind und bleiben sie faktisch nicht greifbar - in diesem Sinne also sehr wohl abstrakt. Erst ihre bildnerische Umsetzung läßt sie in einem gestalterischen Analogieschluß sichtbar werden - und genau darum geht es in der bildenden Kunst nicht nur unserer Tage: darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Hierin nun fügen sich die beiden Darstellungsformen des Abstrakten - nämlich die vom Gegenständlichen abgeleitete Abstraktion auf der einen, und die autonome, manche sagen auch "konkrete" Abstraktion auf der anderen Seite - im Œuvre von Friedl Fischer zu einem kohärenten Ganzen zusammen: In beiden Fällen geht es der Künstlerin darum, innere Befindlichkeiten, seien sie motivisch bzw. begrifflich definierbar oder seien sie von einer gemütsverfasserischen intuitiven Art, sichtbar zu machen und den Betrachtern dieser Bilder die Möglichkeit einzuräumen, sich durch eigenes gedankliches Zutun die Bedeutungsinhalte dieser Gemälde selbst zu erschließen. Erst der geistig bewegliche, in diesem Sinne "offene" und "aktive" Betrachter vermag es, die von der Künstlerin gesetzten visuellen Impulse zu einer bildnerischen Einheit zu geleiten.

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